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„Luxus? Kreuzfahrtschiff? WIE BITTE? Ich dachte die zwei sind Backpacker?!“ 

Und das kam so:

Vor einigen Wochen merkten wir, unser Reisebudget neigt sich langsam seinem Ende zu, es ist wohl leider soweit, es ist Zeit, die Heimreise zu planen.

Also durchwühlten wir tagelang alle möglichen Flugseiten, um einen möglichst günstigen One-Way-Flug von Brasilien nach Hause zu finden. Doch unter knappen 900€ war da nichts zu finden…

Die göttliche Eingebung kam von einem anderen Reisenden, den wir kennengelernt hatten. Der gab uns den Tip, doch mal nach Last Minute Angeboten auf einem Kreuzfahrtschiff zu suchen, denn gerade die Strecke quer über den Atlantik sei oftmals nicht ausgebucht. Das macht Sinn, denn schließlich befindet man sich ja tagelang nur auf offenem Meer, und der gemeine Kreuzfahrer an sich möchte ja am liebsten jeden Tag ein anderes Land besuchen.

Einen Versuch war es wert und ein entsprechendes Angebot war auch schnell gefunden. Die „Vision of the Seas“ von Royal Carribean startete von Brasilien aus zu einem für uns günstigen Zeitpunkt von Brasilien aus in Richtung Portugal. Von Lissabon aus wollten wir dann per Billigflieger das letzte Stück des Weges bis München zurücklegen.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Geld: Wer nimmt schon den 16stündigen Langstreckenflug für 900€ wenn er eine 14tägige All-Inclusive Kreuzfahrt für 650€ haben kann? 80€ kommen dann für den Flug Lissabon-München drauf.
  • Zeit: Wir haben keinen Zeitdruck – zu Hause wartet weder ein Job noch eine Wohnung auf uns, 2 Wochen hin oder her machen also keinerlei Unterschied. Auch wenn wir unseren „Urlaub“ niemals auf einem Kreuzfahrtschiff verbringen würden, als „Taxi“ nehmen wir die Option gerne in Anspruch, vor allem wenn wir dabei auch noch Geld sparen!
  • Langsamkeit: Wir nähern uns langsam der Heimat, und hoffen, dadurch den „Heimkehr-Schock“ etwas abfedern zu können. Jeden Tag kommen wir Europa ein bisschen näher, jeden Tag stellen wir die Uhr nur um 1-2 Stunden um, wir stellen uns mental ganz langsam aufs Nachhausekommen ein.
  • Neue Orte sehen (Reise-Nachschlag!): Auf dem Weg kommen wir noch auf Teneriffa, auf Madeira und in Cadiz vorbei – supi, warum nicht! Und zum Abschluss verbringen wir noch ein paar Tage in Lissabon.
  • Erfahrung: Wir haben sehr viele negative Vorurteile, was Kreuzfahrten betrifft – aber man soll ja immer erst über etwas meckern, wenn man es selber erlebt hat. Das ist unsere Gelegenheit zur Vorurteils-Überprüfung!

Das Schiff legte in Rio de Janeiro ab und hatte Salvador de Bahia als nächsten Stop auf der Liste. Für uns natürlich völlig unsinnig, denn wir hätten ja wieder nach Rio zurückreisen müssen. Also stellten wir die bei Royal Carribean die Anfrage, ob wir denn erst beim zweiten Landgang des Schiffs an Bord gehen können. Unser Anliegen war zwar ungewöhnlich, es schien jedoch nichts dagegen zu sprechen, und so standen wir pünktlich in Salvador de Bahia am Hafen und betraten als letzte Passagiere die „Vision of the Seas“.

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Auch mit unserem Outfit und unseren Rucksäcken fielen wir natürlich auf und passten wohl nicht so wirklich ins Gesamtbild. Wir hatten im Vorfeld schon mal versucht, uns online über den Dresscode schlau zu lesen, und waren wohlweislich in Rio nochmal shoppen gewesen, sodass jeder von uns zumindest ein schifftaugliches Outfit im Gepäck hatte!

Der Kulturschock hätte trotzdem größer nicht sein können, die ersten zwei Tage waren wir wirklich irgendwie im falschen Film.

Man muss sich versuchen, das vorzustellen: 8 Monate lang waren wir in Südamerika unterwegs gewesen, in teils sehr armen Ländern. Wir hatten selbst sehr sparsam gelebt, Verschwendung und Überfluss hatten wir weder gesehen noch selbst gelebt. In Salvador de Bahia, unserer letzten Station, wurden uns regelmäßig die Reis-Reste vom Teller gebettelt, so arm und verzweifelt sind die Menschen hier.

Die Hafengegend ist eine der ärmlichsten und gefährlichsten Gegenden Salvadors – und da liegt es dann, dieses riesige Kreuzfahrtschiff, diese schwimmende Stadt. Voll mit Tausenden von Menschen, die sich in einer geführten Tour 4 Stunden lang durch Salvador haben fahren lassen, eventuell durchs Busfenster einen kurzen Blick auf die Armut erhascht haben, zum Schlafen und Essen wieder in ihre Luxus-Festung flüchten und sich am Buffet darüber unterhalten „wie ihnen Brasilien gefallen hat.“ Wir tun uns damit wirklich etwas schwer.

Als wir das erste mal vor dem Buffet stehen, fehlen uns wirklich die Worte. Wir laufen von Tisch zu Tisch, auf jedem häuft sich das Essen in riesigen Bergen, es gibt einfach ALLES und von allem viel zu viel, und wir sind sichtlich überfordert, grinsen von Ohr zu Ohr, und wissen gar nicht wo wir zuerst zugreifen sollen.

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Und das ganze gibt es dann noch mehrmals am Tag, zum Frühstück, zum Mittag-, und zum Abendessen und die drei Phasen gehen quasi nahtlos ineinander über. In den Pausen dazwischen soll man auch nicht verhungern, es gibt Pizza und Pommes (!). Ach ja, haben wir die Softeis-Maschine schon erwähnt? Wir versuchen den Millionen von Kalorien, derer wir uns leider auch nicht erwehren können (alles ist so unheimlich lecker, uns ist langweilig, und es ist alles einfach immer und überall DA), mit einem halbherzigen Versuch im schiffseigenen Fitness-Studio entgegenzuwirken, doch der Kampf ist aussichtlos.

Ziemlich schnell hat sich unser Tagesablauf eingependelt (wie gesagt gab es ja einige Tage an denen man das Schiff nicht verlassen kann, schließlich überquert man ja den Atlantik)

  • Morgens: während der Rest des Schiffes das Frühstücksbuffet plündert, schaffen wir es NIE vor mittags aufzustehen. Unser Bett ist einfach so unfassbar bequem, die Kabine dank fehlender Fenster stockdunkel und komplett schallisoliert. Punkt 12 Uhr wird dann die tägliche Anspreche des Kapitäns in jeden Raum und jede Kabine des Schiffs übertragen und man bekommt Antworten auf Fragen wie „Wo sind wir eigentlich? Wie schnell fahren wir? Muss ich heute die Uhr umstellen? Wie ist das Wetter? Und welchen Wellengang erwarten wir?! (Apropos Wellengang: 12 Meter hohe Wellen mitten auf dem Atlantik – NICHT lustig!). Ohne diesen Weckruf würden wir wohl bis nachmittags einfach weiterschlafen…

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  • Nachmittags: Nachdem wir uns erstmal am Mittagsbuffet den Bauch vollgeschlagen haben, sind wir natürlich zu spät beim Kampf um die besten Plätze am Pool. Glücklicherweise sind für uns die besten Plätze die, die am weitesten vom Pool entfernt sind, spätestens wenn die Animateure auflaufen und die betagte Kundschaft zu Reise nach Jerusalem oder „International Sexy Man Contest“ aufrufen. Je weiter wir uns von Brasilien entfernen, desto kühler wird es naturgemäß und das Geschehen verlagert sich immer mehr an den „Innenpool“. Naja, für den warmen Whirlpool reichts auch draußen noch. Irgendwann finden wir doch noch etwas, das Spaß verspricht: einen ganzen Raum voller cooler Spiele und einer Nintendo Wii Konsole. Doch hier werden wir verjagt – leider sind wir älter als 16!

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  • Abends: Wir nahmen unser Abendessen ebenfalls im Buffet-Restaurant ein. Die Alternative ist hier der Speisesaal, wo man richtig klassisch wie man es kennt bei vorgegebener Sitzordnung zu acht um einen runden Tisch sitzt und dann von Kellner, Hilfskellner und Weinkellner von vorne bis hinten bedient wird. Doch ganz davon abgesehen, dass wir darauf wenig Lust hatten,  wären wir hier tatsächlich am Dresscode gescheitert. Nun, was gibt es auf so einem Kreuzfahrtschiff abends noch zu tun: es gibt ein Casino, es gibt sehr fragwürdige als „auf Broadway Niveau“ beschriebene Aufführungen, es werden „Partys“ mit Paartanz und Mitternachtsbuffet veranstaltet. An meinem Geburtstag versuchten wir verzweifelt, mit abartig teuren Cocktails in der Schiffsdisco Spaß zu haben – mit eher mäßigem Erfolg.

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Fassen wir also unseren Alltag an Bord zusammen: wir schlafen hervorragend, wir essen hervorragend (und viel zu viel), alles andere versuchen wir weitestgehend zu ignorieren. Wir freuen uns darauf, endlich wieder Land zu sehen, und dieses auch zu betreten.

Wir werden wohl keine Kreuzfahrt-Fans werden – aber als reines Transportmittel ist das Ganze schon ziemlich genial!

 


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