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Ein Besuch in den Silberminen von Potosi ist mit Sicherheit eine der eindringlichsten und erschütterndsten Erfahrungen in Südamerika.

Potosí liegt auf ca. 4000m auf der Hochebene des Altiplano, in einer kargen, steppenhaften Gegend. Historisch liegt die Bedeutung von Potosi vor allem in der Förderung von Silber im Cerro Rico. Sobald die spanischen Eroberer von den versteckten Reichtümern im Berg erfuhren, begannen sie sofort mit gross angelegten Ausgrabungen. Tausende von Indigenas wurden versklavt und zur Arbeit in den Minen gezwungen. Zusätzlich wurden Sklaven aus Afrika nach Bolivien verschifft. Da sie aber in der Höhe nicht überlebensfähig waren, starben die meisten von ihnen bereits beim Aufstieg zu den Minen. Doch auch die Einheimischen überlebten aufgrund der unvorstellbaren Bedingungen in den Minen nicht lange – in den drei Jahrhunderten der spanischen Herrschaft liessen insgesamt ca. 8 Millionen Menschen in den Minen ihr Leben und verhalfen Spanien zu immensem Reichtum.

Doch im frühen 19. Jahrhundert wurde immer weniger Silber gefördert, und vom drastischen Fall des Silberpreises Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich die Stadt nie wieder ganz erholt. Heute sind die Minen immer noch in Betrieb, gefördert wird heute aber vor allem Zink und Blei.

Erschreckend ist vor allem, dass sich die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter seit dem 16. Jahrhundert kaum verändert haben… es ist kaum vorstellbar, dass Menschen heute noch unter solchen Bedingungen arbeiten und leben müssen.

Ein Besuch der Minen wirft zunächst eine moralische Frage auf: soll man sich an diesem Armuts-/Katastrophen-Tourismus beteiligen? Soll man dort als reicher Ausländer hineingehen und diese armen Teufel bei ihrer Arbeit beobachten und fotografieren? Und natürlich ist die Frage auch berechtigt, ob man sich wirklich in einen einsturzgefährdeten Bergstollen voller Giftstoffe hineinwagen muss.

Auf der anderen Seite: Warum wegsehen? Warum nicht einmal für ein paar Stunden selbst mit Haut und Haaren die schlimmsten Orte auf diesem Planeten erleben? Vielleicht, um eine klitzekleine Ahnung davon zu bekommen, wie es sein muss, in solch ein Leben hineingeboren zu werden, und keine Wahl zu haben, als Tag für Tag sein Leben und seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um zu überleben und seine Kinder durchzubringen. Und vielleicht  tatsächlich ein bisschen dankbarer für das eigene Leben zu werden und mal wieder auf das Wesentliche im Leben geerdet zu werden. Außerdem möchte man gerne glauben, dass es wirklich so ist, wie die Touranbieter einem versprechen: dass sich die Minenarbeiter über Besuch und Interesse freuen, dass sie gerne von ihrem Alltag erzählen. Dass die Getränke und die Coca-Blätter, die man als Geschenk mitbringt, ihnen die Arbeit zumindest etwas erleichtern. Und dass ein bestimmter Prozentsatz des gezahlten Preises den Familien der Minenarbeiter zukommt.

Bolivien_22 (Large)Bolivien_13 (Large)Unser erster Weg führt uns zum Markt, wo wir besagte Mitbringsel für die Arbeiter kaufen. Der Markt der Minenarbeiter in Potosi ist außerdem der einzige Ort der Welt, wo jeder völlig legal und problemlos Dynamit kaufen kann.

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In „professioneller Schutzkleidung“ (sie schützt höchstens die Klamotten darunter vor Dreck) und einer Helmlampe marschieren wir also in den Stollen und steigen langsam immer tiefer in den „Berg, der Menschen frisst“ hinab.

Die Umstände sind kaum zu beschreiben, auch Fotos können das Gefühl nicht transportieren. Liegt die Temperatur anfangs noch um den Gefrierpunkt, steigt sie weiter unten auf gute 35 Grad an. Die Luft ist stickig und staubig, an den Stollenwänden alle möglichen giftigen Stoffe. Die Innenseite unseres Mundschutzes ist bereits nach kurzer Zeit schwarz. Mit auch nur der kleinsten klaustrophobischen Veranlagung sollte man definitiv nicht hier sein: die Stollen sind schmal und winzig, aufrechtes Gehen ist nur an den wenigsten Stellen möglich. im Extremfall muss man auf allen vieren kriechen oder durch ca. einen Meter Breite Löcher und Schächte klettern.

Bolivien_54 (Large) Bolivien_78 (Large) IMG_9877 (Large) IMG_9909 (Large)Jeder Arbeiter, den wir treffen, hat einen großen Ball Cocablättern in der Backe. Ohne Coca wäre die Arbeit hier nicht möglich, es sorgt für eine bessere Sauerstoffaufnahme und lässt die Arbeiter Hunger und Müdigkeit nicht spüren. Deswegen ist eine Tüte Cocablätter das am liebsten gesehene Geschenk.

Die komplette Arbeit wird mit primitiven Werkzeugen und Dynamit verrichtet. Innerhalb von 10 bis 15 Jahren sterben die meisten Arbeiter an Staublunge oder anderen Krankheiten. Alle Mineros arbeiten nur in die eigene Tasche, im Monat verdienen sie im Schnitt 100 Euro. Auf alle Mineralien müssen Steuern gezahlt werden, dafür haben sie dann auch Anspruch auf Rente (10 Euro im Monat). Es arbeiten auch Hunderte von Minderjährigen im Cerro Rico, das normale Einstiegsalter ist 14 Jahre.

Bolivien_71 (Large) Bolivien_62 (Large)Die streng katholischen Arbeiter denken, dass sie so tief unter der Erde im Reich des Teufels arbeiten und seine Mineralien stehlen. Um ihn zu besänftigen, werden ihm deshalb täglich Opfer gebracht… Zigaretten, Coca-Blätter und Alkohol.

IMG_9936 (Large)Der Hölle auf Erden entkommen und wieder am Tageslicht, atmen wir erst mal tief durch. Doch da wir ja vorhin schon Dynamit gekauft haben, muss dieses natürlich auch noch gezündet werden… in aller Seelenruhe läuft die Dame mit der brennenden Zündschnur durch die Gegend, legt das Dynamit ab und kommt ebenso seelenruhig wieder zurückgeschlappt, bis es uns durch die Wucht der Detonation erstmal alle drei Schritte nach hinten haut.

IMG_9940 (Large)Sicherlich ein Tag, der erst mal verdaut werden muss…

Empfehlenswert zu diesem Thema ist definitiv auch der Film „Devil’s Miner – Der Berg des Teufels“, der vor allem auch von den Kindern erzählt, die im Cerro Rico arbeiten.


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