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Alles begann mit dem wunderschönen Werbeplakat einer Touragentur in La Paz, auf dem drei glücklich aussehende Menschen mit einem Seil verbunden bei strahlendem Sonnenschein durch Pulverschnee spazieren, während im Hintergrund ein wunderschönes Bergpanorama leuchtet…
Christo: „Uuuuuiiiii, lass uns das auch machen!“
Ich: Schweigen in Verbindung mit skeptischem Gesichtsausdruck und unverbindlichem „Mmmmh“… (Gedanke: wenn ich mich ganz ruhig verhalte, vergisst ers vielleicht gleich wieder!)

Naja, wer Christo kennt, der weiß, der Kerl vergisst nichts so schnell wieder. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich ja nun trotz meiner bayrischen Heimat irgendwie gar nicht so recht berg-affin bin. Die Alpen verschmähen und dann einen 6000er (!!) besteigen? Wo ist denn da bitte die Logik?

Aber man ist ja schließlich auch auf Reisen, um Neues auszuprobieren, um seine Grenzen auszutesten, um seine Komfortzone zu verlassen… also will ich mal nicht so sein und wir informieren uns unverbindlich.

Beim Huayna Potosi handelt es sich laut Agenturen und Reiseführern um den „einfachsten und am leichtesten zugänglichen“ 6000er Südamerikas und er soll in zwei Tagen zu besteigen sein. So wie die Agenturen das beschreiben, könnte man meinen, selbst mit 80 Jahren, Gehstock und in Badelatschen sei das ganze problemlos zu schaffen. Na klar, Hauptsache erstmal die Tour verkauft…

Unser vorläufiger Kompromiss lautete wie folgt: ich mache den ersten Tag Ice Climbing am Gletscher am Fuss des Berges auf jeden Fall mit, denn das klingt ja soweit definitiv ganz spaßig! Dort lernt man mit Steigeisen und Eisaxt umzugehen, was für den Aufstieg an den beiden darauffolgenden Tagen nötig wäre. Ob ich die beiden Tage dranhänge, wollte ich dann spontan entscheiden :) Zur Not warte ich eben zwei Tage mit Tee und Buch im Hotelzimmer auf die glorreiche Rückkehr meines Bergsteigermannes, so mein insgeheimer Plan B. Zusätzlich drängt sich mir immer mal wieder die Erinnerung an mein unrühmliches Scheitern am Hochfelln mit seinen 1670m vor 1,5 Jahren auf… besser nicht genauer drüber nachdenken.

Soweit, so gut.

Tag 1:

Bolivien_9 (Large)Rechts auf dem Bild nochmal der bereits besuchte Chacaltaya, links davon der Huayna Potosi…

Bolivien_3 (Large)Und hier zum ersten Mal in seiner vollen Pracht…

Am Fuss des Berges angekommen, folgt eine 45minütige Wanderung zum Gletscher.. auf dem Rücken 15 bis 20kg Equipment, von dem wir noch nicht recht wissen, wofür es eigentlich gut sein soll. Und plötzlich steht man da, mit Hardboots, Steigeisen, Helm und einer Eisaxt in der Hand… sieht jedenfalls schon mal professionell aus.

Bolivien_18 (Large)Das Klettern am Gletscher funktioniert soweit gut und wir sind ehrlich erstaunt, dass man sich mit Hilfe einer Eisaxt tatsächlich super so ne Eiswand hochziehen kann!

Bolivien_27 (Large) Bolivien_51 (Large)Bolivien_43 (Large) Bolivien_35 (Large)Abends zurück in La Paz musste ich mich natürlich entscheiden, ob ich mitkomme. Die Guides machten einen super Eindruck. Von den anderen Touris, die wir trafen, waren auch nur die wenigsten geübte Bergsteiger, es war sogar ein Brasilianer dabei, der vorher noch nicht mal Schnee gesehen hatte. Und ausser mir war auch noch ein weiteres Mädel am Start! All das nahm mir meine Bedenken, und ich war mit von der Partie!

Tag 2: Vom Basecamp (4600m) zum Highcamp (5130m)

Also ging es am nächsten Tag morgens wieder zum Huayna Potosi zurück, der Bus brachte uns bis zum Basecamp. Von dort startete unsere Gruppe zu viert mit zwei Guides los.

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Mit Ulli aus Salzburg (links, als Österreicher galt er schon mal als Gipfelfavorit ) und Fabio aus Sao Paulo (rechts).

Leider hat es so stark geschneit, dass wir erst noch eine Stunde im Basecamp warten mussten. Zeit, um sich nochmal zu stärken und mit Cocatee gegen die Höhe zu wappnen…

Bolivien_10 (Large)Dann gings los! Die 20kg Gepäck auf dem Rücken (Equipment, Schlafsack, viel Wasser) machten das ganze nicht leichter, geschafft haben wirs trotzdem. Bis auf einen kurzen Erstickungsanfall meinerseits (minutenlang wollte partout keine Luft in meine Lungen, und die dadurch entstehende Panik machte das Einatmen auch nicht  gerade leichter) ist auch alles glatt gegangen.So kamen wir nach über 500 zurückgelegten Höhenmetern gegen nachmittag im High Camp an.

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Um 18 Uhr war Bettruhe, denn um Mitternacht sollte der Aufstieg beginnen. Selbst der dicke Schlafsack, alle unsere Klamotten, Mütze und Handschuhe konnten die beissende Kälte nicht wirklich vertreiben. Und wehe dem, der Nachts auf Toilette muss… das Toilettenzelt steht natürlich ausserhalb der Hütte am windigen Abhang… brrr….

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Tag 3:

Wie angekündigt, wurde um Mitternacht geweckt, der Aufstieg sollte beginnen. Mit gemischten Gefühlen schmissen wir uns in unser Equipment. Der erste Blick nach draussen: Ach du Sch…,  40cm Neuschnee. Naja, es hilft ja alles nix… Stirnlampe an und raus in die Dunkelheit. Diesmal gings nur in Zweiergruppen mit je einem Guide los – Ulli und Fabio starteten also separat.

Macario, unser Guide dachte sich, jetzt wäre doch eine gute Gelegenheit, um uns zu erzählen, dass man den Huayna Potosi ja eigentlich idealerweise im Juli oder August besteigt, da es dann um einiges kälter ist, der Boden hart und gefroren, und man so deutlich leichter vorankommt als in Pulverschnee, durch den man sich bei jedem Schritt herauswühlen muss. Im Janar, also jetzt, da seien die Bedingungen ja eigentlich mit Abstand am schlechtesten.

Auch Macarios Angewohnheit jede kurze Pause mit einem fröhlichen „Vamos a la playa“ zu beenden, fand ich irgendwann auch nur noch so halb lustig… doch insgesamt war er wirklich ein spitzen Kerl, der sich vorbildlich um uns sorgte und bei dem wir uns wirklich sicher fühlten.

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Und so gings weiter: Schritt um Schritt, Meter um Meter, mit vielen Pausen. Wir kämpften uns durch den Schnee und kletterten über Gletscherspalten, und das alles in finsterer Nacht bei beissendem Wind.

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Die allerletzten Gipfelhoffnungen hatten wir nun bereits begraben.
Nach drei Stunden waren wir auf 5500m angekommen, und mächtig stolz!!!
Von dort an wurde es nun rapide noch steiler, viel kälter und die Luft wurde immer dünner, der eisige Schneeregen peitschte uns von vorne ins Gesicht…

Bei 5555m dachten wir uns „Hey das ist ne schöne Zahl, das reicht doch!“

Plötzlich trafen wir Fabio, der zusammengesunken im Schnee saß und sich wohl nur noch an die Copacabana zurücksehnte – er wollte mit uns wieder nach unten. Auch Victoria, meine einzige weibliche Mitstreiterin, hatte bereits aufgegeben. Ulli hat sich noch weitergekämpft, bis ca. 5900m.

Bolivien_85 (Large)Abstieg klingt auch erstmal schöner als es tatsächlich ist, aber um ca. 5 Uhr waren wir endlich wieder im High Camp angekommen. Nach und nach trudelten alle 12 gestarteten Gipfelanwärter wieder ein – nur 3 hatten es bis zum Gipfel auf 6088 Metern geschafft (am Tag zuvor übrigens kein einziger)! Doch die verdiente Belohnung, nämlich ein grandioses Gipfelbild bei Sonnenaufgang mit atemberaubender Fernsicht blieb ihnen verwehrt, die Sonne ging auf und man sah – nichts. Also wirklich, absolut NICHTS. Die Gipfelfotos hätte man auch vor einer weißen Rauhfasertapete aufnehmen können.

Angesichts dieser Statistik waren wir doch mächtig stolz auf uns und auf unsere 5555m. Zurück im Basecamp genehmigten wir uns das verdiente Belohnungsbier und lüfteten die dampfenden Latschen.

IMG_2463 (Large)Unser Fazit: ein Spaziergang ist das Ganze sicher nicht. Und die Worte „leicht“ und „einfach“ haben bei der Beschreibung einer 6000er Besteigung auch nicht wirklich viel verloren – außer im direkten Vergleich mit einem 8000er vielleicht.

Wir sind trotzdem mehr als froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und würden sie um nichts auf der Welt missen wollen. Natürlich denkt man sich zwischendurch „Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?“, doch es ist schon was wahres dran… an der Sache mit der Komfortzone und den eigenen Grenzen. Denn außerhalb davon wirds eigentlich erst spannend!


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