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Varanasi jemandem zu beschreiben, der es nicht selbst gesehen und erlebt hat, ist schwierig. Sehr schwierig. Wir haben DEFINITIV bisland keinen so nachhaltig beeindruckenden, keinen gleichzeitig so faszinierenden und so abstoßenden Ort erlebt.Varanasi verlangt einem so einiges an mentaler und körperlicher Flexibilität ab – man wünscht sich ganz weit weg und gleichzeitig möchte man all diese unglaublichen Eindrücke in sich aufsaugen. Und mit Sicherheit hat man noch lange danach etwas zu erzählen und nachzudenken.

In Varanasi angekommen, wollen wir uns zum im Reiseführer empfohlenen „Vishnu Rest House“ fahren lassen. Ein weiteres Mal zeigt sich der Einfallsreichtum der Inder beim Bescheißen von Touristen: um von der Empfehlung der bewährten Unterkunft zu profitieren, wurde kurzerhand ein „Vishnu Guest House“, ein „Real Vishnu Guest House“ sowie ein „New Vishnu Guest House“ eröffnet und Rikscha-Fahrer dafür bezahlt, Gäste hier abzuladen. Zudem werden die Namen dann mit derart verschnörkelter Schrift angeschrieben, dass man nicht mal mit Sicherheit sagen kann ob man denn nun am Rest House oder am Guest House steht. Verzweifelt und ohne Erfolg versuchen wir, zum richtigen Hostel gefahren zu werden – auf penetrante Nachfrage hin war die „echte“ Unterkunft dann auch noch entweder abgebrannt oder überschwemmt (Übersetzung: hier gibt es keine Provision). Irgendwann wurde es uns zu blöd und wir suchten uns etwas anderes. So ärgerlich das Ganze ist, soviel Kreativität muss man fast schon wieder bewundern.

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Varanasi liegt im Bundesstaat Uttar Pradesh am Ganges, und ist die heiligste Stadt des Hinduismus. Das Flussufer der Stadt wird kilometerweit von etwa 100 steinernen Ghats gesäumt, an deren Treppen täglich mehr als 60.000 Pilger ihre rituellen Waschungen durchführen.

IMG_6933 (Andere) Nordindien_129 (Andere)Eine Fahrt mit einem der vielen kleinen Boote bietet den besten Überblick über die Stadt (Die „Boat, sir!“, „Boat, sir!“ Rufe verfolgten uns bis in den Schlaf).

IMG_7098 (Andere) Nordindien_36 (Andere) Nordindien_54 (Andere)Der heilige Fluss Ganges, oder „Mutter Ganga“, wie er bei frommen Hindus heisst, reinigt von Sünden und bringt den Toten Erlösung. Ein Bad im Fluss oder ein Schluck des heiligen Wassers ist somit ein wichtiges Ereignis im Leben eines jeden gläubigen Hindus. Dementsprechend sieht man hier auch viele heilige Männer wie Brahmanen oder Sadhus.

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Täglich kommen Zehntausende von Pilgern nach Varanasi, zum alle drei Jahre stattfindenden „Kumbha Mela“ Fest sind es um ein Vielfaches mehr. Im Jahr 2001, als die Planetenkonstellation besonders günstig war, kamen 50 Millionen (!) Menschen nach Varanasi zum Kumbha Mela Fest – angeblich der weltweit größte Menschenauflauf aller Zeiten.

Allabendlich werden an einem der Hauptghats in wunderschöner Atmosphäre vor Tausenden von Menschen heilige Zeremonien vollzogen.

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Jeder Hindu, der in Varanasi stirbt, erlangt sofort „moksha“, d.h. Erlösung. Viele ältere Menschen kommen daher nach Varanasi um zu sterben, entsprechend viele Hospize gibt es in der Stadt. Das Manikarnika Ghat ist das wichtigste Krematorium Varanasis, rund um die Uhr werden hier Leichen verbrannt, die Feuer gehen nie aus. Die Asche der Toten wird anschließend im Ganges verstreut.

Hier zu fotographieren ist natürlich nur aus weiter Entfernung mit dem Teleobjektiv möglich, jedoch sind wir mehr als erstaunt, als wir ans Ufer gebeten werden. Ein Inder springt plötzlich zu uns ins Boot, ernennt sich quasi selbst zu unserem Guide und nimmt uns mehr oder weniger ungefragt einfach mit. Wir sind unsicher, doch die Neugier siegt. Und obwohl wir die einzigen Touristen am Verbrennungsghat sind, scheint unsere Anwesenheit auch niemanden zu stören oder auch nur groß zu interessieren.

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Unbestritten war dies eine der intensivsten und beeindruckensten Erlebnisse unserer Indienreise. Da stehen wir nun, zwischen mehreren brennenden Scheiterhaufen, an denen die Angehörigen gerade Abschied von dem Verstorbenen nehmen. Daneben liegen bereits auf Holzbahren in bunte Tücher gewickelt die nächsten Toten. Wir erfahren viele interessante Dinge von unserem Guide, stellen viele Fragen. Bis eine Leiche komplett verbrannt ist, kann es ca. 3-6 Stunden dauern. Viel Holz ist dazu nötig, und Holz ist sehr teuer. Auch hier kann man abstufen, vom einfachen „Sperrholz“ bis zu Mahagoni ist alles drin – eben wie bei uns beim Sargkauf. Familien, die sich gar kein Holz leisten können, bestatten ihre Toten daher ganz oder in Teilen im Ganges, ohne diese vorher zu verbrennen. Schwangere, Kinder und Priester werden generell nicht verbrannt, sie werden mit einem Stein um den Bauch einfach versenkt.

Nordindien_144 (Andere)Der Anblick einer im Fluss treibenden Leiche ist uns Gott sei Dank erspart geblieben. Vielleicht dank der kreativen Maßnahmen der indischen Regierung: Schildkröten sollen sich um die Entsorgung der Leichen im Ganges kümmern. Diese werden im Zuchtzentrum an Verwesungsgeruch gewöhnt und so trainiert, dass sie nur Leichen fressen (die badenden Pilger aber nicht in die Füße beißen). Mehr als 30.000 dieser Schildkröten sind bereits im Ganges ausgesetzt worden. Klingt irgendwie wie ein schlechter Scherz, ist aber tatsächlich so.

Doch der Ganges ist nicht nur durch Leichen und Asche verschmutzt: hinzu kommen noch Unmengen an ungeklärten Abwässern und Schwermetallen aus weiter flussaufwärts gelegenen Fabriken. Die Belastung mit Kolibakterien ist im Durschnitt 2000mal höher als in Indien (!) erlaubt.

Die Hindus scheint das nicht zu interessieren, im Gegenteil, im hinduistischen Glauben reicht ein Tropfen Gangeswasser aus, um jede Krankheit und jede Infektion zu heilen. Sie baden in der braunen Brühe aus Giften, Leichen, Dreck und Wasserbüffelkacke, putzen sich hier die Zähne und nehmen sich in Flaschen abgefülltes Gangeswasser mit nach Hause, um es in die Brunnen ihrer Heimatdörfer zu träufeln. Dass wir uns hier trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aufs Übelste den Magen verdorben haben, ist irgendwie nicht weiter verwunderlich.

IMG_7024 (Andere) Nordindien_25 (Andere) Nordindien_37 (Andere) IMG_7120 (Andere) Nordindien_91 (Andere) Nordindien_97 (Andere) Nordindien_103 (Andere) Nordindien_109 (Andere) Nordindien_117 (Andere)Nordindien_151 (Andere)Wir sind erleichtert, als wir Varanasi wieder verlassen. Der Schmutz, der Gestank und die Enge hier sind kaum länger als zwei Tage zu ertragen (spätestens nachdem man sich in einer engen Gasse an die Wand gedrückt mit ein paar Zentimetern Abstand an einer Kuh vorbeigequetscht hat, weiß man, was Enge ist).

Dennoch möchten wir jedem Indienreisenden auf jeden Fall den Besuch in Varanasi ans Herz legen. Wir möchten die Erfahrung und die unbeschreibliche Atmosphäre dieses Ortes definitiv nicht missen!


Kommentare

Varanasi – der Wahnsinn hat einen Namen — 1 Kommentar

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