Abseits der Haupt-Touristeninseln wird es in Indonesien schnell schwierig mit dem Transport und mit der Informationsbeschaffung. Dass man immer erst kurzfristig vor Ort erfährt, wann und wie es weitergeht, daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Doch als nicht mal mehr der Ticketverkäufer am Fährhafen weiss, wann die nächste Fähre fährt, müssen wir dann doch lachen :) Mit viel Glück ergattern wir dann doch noch an einem passenden Tag zwei Tickets für die „Pelni“-Fähre von Flores bis nach Makassar auf Sulawesi. Für gerade mal 4€ bringt uns das riesige Teil, das von aussen (leider aber nur von aussen) eher an ein Kreuzfahrtschiff erinnert, in 17 Stunden bis nach Sulawesi. Die Nacht unter Deck ist dank Neonlicht, Holzpritschen, Karaoke-Beschallung und Hunderten von Kettenrauchern eher weniger erholsam…

DCIM100GOPROG0283884. DCIM100GOPROG0293891.An Deck lässt es sich schon eher aushalten :)

Nach nur einer Nacht in der überraschend großen und modernen Stadt Makassar nehmen wir den Bus nach Rantepao, ins Herz des Toraja-Gebietes. Im Bus treffen wir Susanne und Olaf aus dem Saarland, und haben dank insgesamt 13stündiger Fahrtzeit, vier Buspannen und einem Buswechsel viel Zeit uns zu unterhalten. Beide (also die Saarländer und die Transportschwierigkeiten) sollten uns quasi durch ganz Sulawesi begleiten :)

Ein kleiner Einblick in die einzigartige Kultur der Toraja in Zentralsulawesi ist ein absolutes Muss für jeden Besucher der Insel. Ausgehend von Rantepao als Basis unternehmen wir mit dem Motorroller Ausflüge in die umliegenden Dörfer der Region.

IMG_3851_1 (Large) IMG_3852_1 (Large) IMG_3862_1 (Large) IMG_3865_1 (Large)Die wunderschönen Toraja-Häuser, genannt Tongkonan. Die Anzahl der Büffelhörner spiegelt den Rang und das Ansehen der jeweiligen Hausbesitzer wider.

Um zu verstehen, was wir an diesem Ort zu sehen bekommen werden, muss man ein bisschen über das Volk der Toraja wissen, das ihre Lebensweise und Bräuche trotz Missionierung durch die Holländer, seit Jahrhunderten kaum geändert hat. Die Toraja leben immer noch nach strengen Regeln was Bevölkerungsschichten und Familienzugehörigkeit anbelangt.

Die herausragendste Besonderheit ist jedoch, dass das wichtigste Ereignis im Leben eines jeden Toraja sein Tod ist. Das Leben auf Erden ist sozusagen nur ein Übergangszustand, wirklich wichtig ist nur das Jenseits. Entsprechend aufwändig und kostspielig fallen die Beerdigungen der Toraja aus, und genau eine solche konnten wir besuchen. Zusammen mit einem Guide, der uns alles über die Zeremonie und ihre Hintergründe erzählte und uns auch der Familie vorstellte, konnten wir so einen einmaligen Einblick in eine für uns völlig unverständliche aber umso faszinierendere Kultur werfen.

Stirbt eine Person, beginnt die Vorbereitungsphase für dessen Beerdigung. Was bei uns in der Regel ein paar Tage dauert, kann bei den Toraja schon mal einige Jahre (!) in Anspruch nehmen. In der Zwischenzeit wird der Leichnam lediglich als „kranke Person“ behandelt, die weiterhin mit im Haus „schläft“. Wurde die Leiche früher noch mit traditionellen Kräutern einbalsamiert, wird heute Formaldehyd verwendet. Auch unser Guide Johnny hat, wie er uns erzählt, über 2 Jahre neben seinem toten Vater geschlafen und diesem dreimal täglich eine Mahlzeit gebracht. Wir trauen uns dann doch vorsichtig nachzufragen, ob das denn nicht stinkt… in der Hitze und so?!? Angeblich nicht 😉

Je höher der soziale Status der verstorbenen Person, desto größer und pompöser muss die Beerdigung ausfallen. Allerwichtigstes Kriterium hierbei ist der richtige Büffel, bzw. mehrere davon, die dann während der Feierlichkeiten geopfert werden. Denn nur auf einem Büffel kann der Verstorbene ins Jenseits gelangen. Solange der zu Status und Rang der Person passende Büffel nicht gefunden ist, gibt es auch keine Beerdigung.

Der Büffel ist dem Toraja sozusagen was dem Deutschen sein Auto – nirgendwo wird dies deutlicher als auf dem Büffelmarkt in Rantepao, der einmal wöchentlich stattfindet. Entscheidend für den Preis eines Tieres ist hier nicht wie in anderen asiatischen Ländern dessen Arbeitsleistung, sondern Geschlecht, Größe, Hörner und vor allem Farbe des Büffels. Arbeiten müssen diese auf Sulawesi nicht, sondern führen vielmehr ein schönes Luxusleben. Der 0815-Durchschnitts-Büffel geht hier für sage und schreibe ca. 8000€ über die Ladentheke.

IMG_3734_1 (Large) IMG_3744_1 (Large) IMG_3758_1 (Large) IMG_3763_1 (Large) IMG_3776_1 (Large) IMG_3796_1 (Large)Und DAS hier, das ist sozusagen der Rolls-Royce der Toraja. Ein männlicher, ausgewachsener Albino-Büffel mit schwarzen Flecken. Extrem selten und entsprechend wertvoll – dieser wurde an diesem Tag verkauft und wird im Sommer auf der Beerdigung eines der höchsten Mitglieder der Toraja-Gemeinde geopfert werden (zusammen mit 40-50 „normalen“ Kollegen). Unglaublich, aber wahr, der Kaufpreis lag bei stolzen 50.000 Euro.

IMG_3804_1 (Large) IMG_3807_1 (Large) IMG_3811_1 (Large) IMG_3823_1 (Large) IMG_3825_1 (Large) IMG_3841_1 (Large) IMG_3843_1 (Large) IMG_3844_1 (Large)Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg in ein kleines Dorf, um besagte Beerdigungszeremonie (bzw. nur den ersten von vier Tagen) mitzuerleben.

IMG_3872_1 (Large) IMG_3880_1 (Large) IMG_3892_1 (Large)Als wir ankommen, sind bereits mehrere Hundert Gäste vor Ort, und ständig kommen neue Trucks voller Leute angefahren. Was bei uns ein Staatsbegräbnis wäre, gilt hier als bescheidenes Fest. Auf richtig großen Beerdigungen, die schon mal eine ganze Woche dauern können, finden sich Tausende von Gästen ein. Daher stören sich die Toraja auch nicht am Besuch von Touristen, solange man einige einfache Regeln befolgt, wie ein Gastgeschenk mitzubringen (für 1-2 Personen ist eine Stange Zigaretten angebracht, eine große Reisegruppe bringt auch schon mal ein Schwein), und schwarze Kleidung zu tragen. IMG_3894_1 (Large)Wie alle Gäste bekommen wir einen Platz in einer der extra für die Beerdigung errichteten (und im Anschluss wieder abgerissenen) Hütten zugewiesen und Tee und Kekse serviert.

Wir können uns kaum vorstellen, woher diese ganzen Menschen kommen, bis wir erklärt bekommen, dass nur die wenigsten den Verstorbenen wirklich persönlich kannten. Ein Beispiel: Verstirbt der Großonkel einer ehemaligen Schulfreundin, dann wäre es für mich selbstverständlich, auf die Beerdigung zu gehen. Ich würde dann meinem ganzen Dorf erzählen, hey Jungs, morgen ist die Beerdigung des Großonkels einer ehemaligen Schulfreundin, und sie alle kommen mit, obwohl sie noch nicht mal die Schulfreundin kennen, deren Großonkel gestorben ist. Also komme ich mit insgesamt ca. 30-40 Leuten auf der Beerdigung angefahren.

Das Ganze folgt einem ausgeklügelten System von Geben und Nehmen: Gäste bringen Opfergaben, meist in Form von Schweinen mit. Anzahl und Größe der Schweine werden penibel notiert, um bei der nächsten Gelegenheit entsprechend erwidert zu werden. Alle mitgebrachten Schweine werden vor Ort geschlachtet und zerteilt. Die Gastgeber behalten sich einen Teil, den anderen Teil nimmt der Gast wieder mit nach Hause und teilt ihn fair zwischen sich und all seinen Nachbarn auf, die mitgekommen sind. Die Gastgeber-Familie teilt das erhaltene Schwein in ihrem gesamten Dorf auf, denn schließlich müssen bei einem solchen Fest alle mithelfen, um die Hütten zu bauen und die ganzen Gäste zu bewirten. So hat quasi jeder etwas davon. Wie man sich vorstellen kann, besuchen die Toraja im Lauf eines Jahres VIELE Beerdigungen und das Hin- und Hergeschachere von Lebendvieh verlangt einiges an bürokratischem Aufwand, damit es ja auch ja keine Ungerechtigkeiten gibt.

IMG_3900_1 (Large)Die Familie des Verstorbenen begrüsst eine Gruppe von neu eingetroffenen Gästen

IMG_3912_1 (Large) IMG_3916_1 (Large) IMG_3925_1 (Large) IMG_3933_1 (Large) IMG_3939_1 (Large)Eine Gruppe Gäste nach der anderen trifft ein, und jede hat ein paar Schweine dabei. Eine Trauerfeier bei den Toraja ist nichts für schwache Gemüter. Wie gesagt werden alle Tiere direkt vor Ort geschlachtet und zerteilt. Das Schreien der Schweine gellt in den Ohren, der Boden ist getränkt vom Blut der Tiere, überall wird fleißig zerteilt und zerhackt. Den „Höhepunkt“ des Tages stellt das Opfern der Büffel dar. Da wir hier wie gesagt auf einer ganz bescheidenen, kleinen Beerdigung sind, gibt man sich heute mit einem einzelnen, weiblichen Büffel zufrieden. Mit einem schnellen Schnitt wird dem Tier die Halsschlagader geöffnet, woraufhin es innerhalb kürzester Zeit verblutet. Ein Anblick, auf den man eigentilich gerne verzichten möchte, und der sich in all seiner Grausamkeit knallhart ins Gedächtnis einbrennt. Doch andererseits – wir essen Fleisch, und vermutlich sollte man als Fleischesser auch mit einem solchen Anblick, der in Deutschland einfach nur komplett aus der Öffentlichkeit verbannt ist, zurechtkommen können. Viel zu leicht vergisst man ja beim Kauf eines hübsch agepackten Steaks oder panierten Schnitzels das Tier, das dafür gestorben ist.

IMG_3942_1 (Large) IMG_3945_1 (Large) IMG_3959_1 (Large) IMG_4012_1 (Large)IMG_3991_1 (Large)Leicht schwummerig verlassen wir nach einigen Stunden das Gelände und besuchen noch einige andere Orte, die mit dem Totenkult der Toraja in Zusammenhang stehen. Erdbestattungen gibt es hier nicht, die Toten werden zumeist in Felsen- oder Höhlengräbern beigesetzt.

IMG_4018_1 (Large) IMG_4034_1 (Large) IMG_4045_1 (Large)Die „Tau Tau“ genannten Holzfiguren sind adeligen Familien vorbehalten und sehen dem Toten ähnlich

IMG_4020_1 (Large)In diesem hohlen Baum werden lediglich Babys beerdigt, die direkt bei der Geburt versterben. Es handelt sich dabei um eine besonders harzhaltige Baumart – die Toraja glauben dass der Baum sozusagen die Mutter ersetzt und die Kinder mit Hilfe des Harzes anstatt der Muttermilch weiterwachsen, da man sie als zu jung zum Sterben ansieht.

IMG_4050_1 (Large) IMG_4053_1 (Large)Dieser Einblick in eine wahrscheinlich einzigartige Kultur hat uns tief beeindruckt und bewegt. Neben der Feuerbestattung am Ganges in Varanasi und natürlich der tibetischen Himmelsbestattung wird uns mit Sicherheit auch diese Art des Umgangs mit dem Tod in anderen Gesellschaften in Erinnerung bleiben.

 


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