Von Shanghai nach Hong Kong nahmen wir zum ersten Mal auf unserer Reise den Flieger – für 40 Euro pro Person wirklich ein Schnäppchen, vor allem bei den meist teuren (und ausgebuchten) Zügen.

Irgendwie gehört Hong Kong ja zu China, aber irgendwie dann doch nicht. Offiziell nennt sich das Ganze ja „Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China“, aber ein Inlandsflug ist es dann auch nicht. Eigentlich wollten wir mit dem sogenannten „Maglev“ Train zum Flughafen in Shanghai fahren, einfach nur zur Würdigung von Edmund Stoibers legendärer „10 Minuten! Sie steigen in den Hauptbahnhof ein!“ – Transrapid Rede. In München wurde das Teil ja leider nicht gebaut, dafür kann man damit jetzt in Shanghai in nur 8 Minuten zum Flughafen düsen. Klingt erstmal super – leider fährt das Ding aber nicht zentral ab, der Fahrtpreis ist 10mal so hoch wie in der normalen U-Bahn (die eine gute Stunde braucht) und die Spitzengeschwindigkeit von über 400km/h erreicht der Maglev nur bei vereinzelten Fahrten morgens und abends für ca. 50 Sekunden. Na dann halt doch die U-Bahn!

Insgesamt war die Anreise nach Hong Kong trotz geplant entspanntem Flug eher eine von der schlimmeren Sorte – der Flug hatte über drei Stunden Verspätung, dauerte eine Stunde länger als angegeben, unser Gepäck war am Flughafen erstmal verschollen, der Bus in die Innenstadt gurkte einen Riesen Umweg und schmiss uns am falschen Ort raus, sodass wir nochmal ein Taxi brauchten und in der Unterkunft öffnete erstmal niemand die Tür – kein Wunder, es war ja auch halb 4 morgens.

Apropos Unterkunft – allein darüber könnten wir schon seitenweise schreiben. Wo wir da eigentlich gelandet waren, sahen wir erst so richtig am nächsten Tag. Wir hatten erstmal das Gefühl, wir seien aus Versehen nach Indien geflogen.

IMG_5416 (Large)Die „Chungking Mansions“ – übersetzt heisst das soviel wie „Königliches Herrenhaus“ (haha). Das Gebäude ist in der ganzen Stadt bekannt und befindet sich in allerbester Lage im Stadtteil Tsim Sha Tsui von Kowloon, direkt an der Nathan Road gelegen. Sogar Wikipedia ist dieses Gebäude einen eigenen Eintrag wert, wo es als „Beispiel für die Globalisierung der unteren Klassen“ beschrieben wird. Hier begegnet man vor allem Indern, Pakistanis und Afrikanern. „Mal schnell aufs Zimmer gehen“ sieht hier so aus:

Schritt 1: Durch den Eingang und das im Erdgeschoss gelegene Einkaufszentrum (sagen wir mal Basar) kommen, während man mindestens 10 verschiedene Angebote bekommt: Accomodation! Fake Rolex! Sim Card! Haschisch! Tailored suit! Handbag! (angeblich wurden 20% der Handys in Afrika in den Chungking Mansions gehandelt).

Vorteil: leckeres indisches Essen gibt es hier auch.

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Schritt 2: Den richtigen der 5 Blöcke finden und in das richtige von je 17 Stockwerken fahren. Alles von Stockwerk 3 aufwärts sind Guesthouses.

IMG_5453 (Large)IMG_5359 (Large)Blick ins Treppenhaus

Dank des arg Budget-unfreundlichen Preisniveaus von Hong Kong bekommt man hier für 30€ die Nacht gerade mal einen ca. 6qm großen, gefliesten Schuhkarton ohne Fenster.

DCIM102GOPRO IMG_5361 (Large)Naja, vielleicht mag man gar nicht unbedingt immer aus dem Fenster schauen:

IMG_5419 (Large)So, nun aber mal zu Hong Kong selbst. Unsere erste Amtshandlung bestand in der Beantragung eines neuen Visums für China (hier gilt Hong Kong wieder als „Ausreise“, quasi Ausland).

Seit Hong Kong 1997 von den Briten an China zurückgegeben wurde, ist es wie gesagt eine „Sonderverwaltungszone“, die aber die freie Marktwirtschaft und hohe innere Autonomie beibehalten hat.

Wir hatten uns in China ja schon an so einiges gewöhnt. Die Chinesen an sich sind, sagen wir es mal vorsichtig, nicht die größten Gentlemen. Sie schmatzen, schlürfen und rülpsen beim Essen, die Überreste türmen sich auf und unter dem Tisch. Sie drängeln und schreien beim Telefonieren (auch nachts im Dorm). Und sie rotzen, oh was können die Chinesen rotzen! Da wird in einer immensen Lautstärke der Rotz hochgezogen und in die Umgebung befördert – auf die Straße, unter den Tisch, aus dem Busfenster oder einfach in den Bus.

Ein besonders schönes Erlebnis, das wir euch auch nicht vorenthalten wollen, hatten wir in Qingdao. Wir saßen bei unserem Lieblings-Nudelrestaurant draußen, als am Nebentisch ein etwa 12jähriger Junge aufsteht, sich zwischen unsere beiden Tische stellt, die Hände auf die Knie stützt und anfängt zu würgen. „Der muss die hohe Kunst des Rotzens aber noch üben.“, denken wir uns. Doch weit gefehlt, er hatte eine viel tiefergehende Reinigung geplant, denn plötzlich, nach 1-2 Minuten Würgegeräuschen, kotzt er uns mitten vor die Füße. Wohl gemerkt, die nur mit Flip Flops bekleideten Füße in Spritzweite. Wir können gerade noch so aufspringen, nehmen unsere Nudelschüsseln und verziehen uns schimpfend an einen anderen Tisch. Man müsste sich mal vorstellen, was das in einem Restaurant daheim für einen Aufstand gäbe, hier hat nicht ein einziger Gast von seinem Essen aufgesehen und sogar die Mutter des Kotz-Kindes schenkte uns nur einen stirnrunzelnden „Was stellen die sich denn jetzt so an?“-Blick.

Jedenfalls ist in Hong Kong davon nichts mehr zu bemerken. Niemand rotzt, niemand spuckt, niemand rülpst. Alle sind freundlich, und noch viel besser: fast alle sprechen Englisch. Wie angenehm :)

Hong Kong ist klein, doch der Zustrom ist gewaltig. So wird immer mehr Land aufgeschüttet und immer mehr Wolkenkratzer wachsen aus dem Boden. Ergebnis ist die beeindruckende Skyline zwischen Kowloon und Hong Kong Island, dazwischen liegt der Victoria Harbour.

IMG_5366 (Large) IMG_5370 (Large) IMG_5372 (Large) DCIM102GOPROZwischen den beiden Inseln verkehrt die legendäre Star Ferry, und das bereits seit 1888. Obwohl es mittlerweile eine U-Bahn gibt, befördern die insgesamt 12 Fähren immer noch ca. 70.000 Fahrgäste täglich. Die Aussicht und der Fahrpreis von 25 Cent sind einfach unschlagbar.

IMG_5389 (Large) IMG_5375 (Large) IMG_5364 (Large) DCIM102GOPROHier findet man auch die „Avenue of Stars“, sozusagen der Walk of Fame Asiens.

IMG_5273 (Large)Außer Bruce Lee und Jackie Chan kennen wir allerdings niemanden :)

IMG_5279 (Large) IMG_5276 (Large)IMG_5284 (Large)In Hong Kong kämpfen wir mal wieder mit der Hitze und Schwüle, je weiter wir nach Süden kommen, desto krasser wird es. Hier haben wir es nun schon mit fast 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von ca. 80% zu tun, 10 Minuten nach Verlassen des Zimmers sind wir quasi durchgeschwitzt.

Auf Hong Kong Island, v.a. im Stadtteil Central, fühlt man sich wie in New York. Wolkenkratzer, Werbetafeln, geschäftige Banker mit Handy am Ohr, die nach einem Taxi winken, Luxusautos und teure Läden.

IMG_5298 (Large) IMG_5311 (Large) IMG_5317 (Large) IMG_5321 (Large) IMG_5325 (Large) IMG_5335 (Large)IMG_5304 (Large)„Ding-Dings“, die alten zweistöckigen Trambahnen Hong Kongs.

IMG_5323 (Large)Die HSBC Bank (Hong Kong & Shanghai Banking Corporation) hat ihr imposantes Hauptgebäude in Hong Kong (obwohl eigentlich alle Bankgebäude hier riesig und beeindruckend sind), bei der Fertigstellung 1985 war es damals das teuerste Gebäude der Welt. Der Wolkenkratzer ist streng nach Feng Shui Vorgaben entworfen: laut Feng-Shui Lehre spült Wasser Geld in die Kassen, deswegen ist der Eingangsbereich einem Strand nachempfunden und der Blick auf den Victoria Harbour bleibt vertraglich gesichert auf ewig unverbaut. Die Rolltreppen wurden in einem bestimmten Winkel angeordnet – sie symbolisieren die Barthaare eines Drachen, der sich Geld in den Bauch schaufelt. Na, wenns hilft.

IMG_5344 (Large) IMG_5345 (Large) IMG_5347 (Large) IMG_5355 (Large)Das ist mal ein Statement

IMG_5422 (Large)Auch bei McDonalds sitzt man platzsparend

IMG_5664 (Large) IMG_5667 (Large) IMG_5700 (Large) IMG_5845 (Large) IMG_5849 (Large)Nicht alle sind reich in Hong Kong…

IMG_5363 (Large)So siehts aus :)

Der größte Negativpunkt an Hong Kong war für uns das Preisniveau. Macht man hier eine Woche Urlaub und gönnt sich eine schöne Unterkunft, geht lecker Essen und noch etwas shoppen, kann man locker ein Weltreise-Monatsbudget loswerden. Kostete uns beispielsweise ein Teller Nudeln bislang in China 1-2€, ist man hier 6-7€ los. Schnell hatten wir daher einen neuen besten Freund gefunden:

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Hier kann man sich vom Frühstück bis zum Abendessen günstig versorgen. So wurden eben wieder mal Instant-Nudelsuppen gefuttert :)

IMG_5356 (Large)Abends feiert ganz Hong Kong im hippen Stadtteil Lan Kwei Fong. Ein kleines Bier in einer Bar kostet hier im Schnitt 7€. Gott sei Dank tut es uns der Großteil der Feiernden hier gleich, kauft sein Bier für 1€ bei 7 Eleven und feiert einfach auf den Straßen.

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Ganz konnten wir uns den Shopping-Versuchungen doch nicht erwehren. Hong Kong ist weltweit als Shopping-Paradies für Elektronik bekannt. So investierten wir zwei Tage in intensiven Preisvergleich und Verhandlungen bis wir für 360€ die Canon EOS 700D unser Eigen nennen konnten. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von unserer 1000D, die uns seit 5 Jahren auf Reisen begleitet hatte, mittlerweile aber leider erste Ausfälle hatte…

Ein Highlight bei einem Hong Kong Besuch ist die Fahrt mit der historischen Peak Tram auf den Victoria Peak, von wo sich ein gigantischer Rundumblick auf die Skyline der Stadt bietet.

IMG_5474 (Large) IMG_5528 (Large) IMG_5550 (Large) IMG_5601 (Large)Wo wir mit einer Aussichtsplattform auf einem Hügel gerechnet hatten, erwartete uns ein Riesen Einkaufszentrum und viele Restaurants mit Skyline-Blick (inkl. Burger King und Bubba Gump Shrimp)

Doch wir hatten Glück: auch auf dem Peak gab es einen 7 Eleven! :)

IMG_5586 (Large)Inmitten all des Trubels gibt es auch ein paar ruhige Orte, wie beispielsweise den Nan Liang Garten, ein penibel geplanter Park mit Pagoden, Koi-Karpfen Teich und genau gestutzten Bäumen, inmitten all der Wolkenkratzer. Allerdings sollte man sich hüten, unpassend gekleidet (beispielsweise im Hochzeitskleid), den Park zu betreten. (Allein die Vielfalt und Kreativität chinesischer Verbots- und Vorschriftsschilder wäre eigentlich einen eigenen Artikel wert).

IMG_5790 (Large) IMG_5793 (Large) IMG_5811 (Large) IMG_5817 (Large) IMG_5818 (Large) IMG_5820 (Large) IMG_5831 (Large)Im Kowloon Park, der direkt an die überfüllte Nathan Road angrenzt, dümpeln Flamingos vor sich hin.

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Auch ein öffentliches Freibad gibt es im Kowloon Park, wo wir einige besonders heisse Nachmittagsstunden verbrachten.

IMG_5843 (Large)Wäre hier Filmen und Fotographieren nicht streng verboten (ein Foto von oben konnte ich heimlich machen), könnte man hier eine wunderbare Filmdokumentation drehen.

Bei Freibad denkt der Deutsche automatisch an schreiende und herumrennende Kinder, Sprungtürme, Pommes essen und in der Sonne liegen. In China läuft das so: nach dem Eingang gibt es (natürlich) erst mal gefühlte 100 ganz wichtige Schilder zu lesen, was man alles nicht darf und gefälligst tun soll. Unser Favorit auf einem riesigen Pappaufsteller: „Bitte gehen Sie vor Betreten des Schwimmbeckens auf die Toilette und stellen Sie sicher, dass Sie nicht an Durchfall leiden.“ Bevor man überhaupt in den Badebereich kommt, wird man quasi wie in einer Waschanlage zwangsgeduscht und bekommt auch glatt Anschiss, wenn man versucht, sich an der Desinfektionsanlage vorbeizuquetschen, damit das Handtuch nicht nass wird.

Sehr schön zu beobachten ist auch, wie jeder Schwimmbadbesucher ordnungsgemäß und bierernst 10 Minuten lang Aufwärmübungen am Beckenrand durchführt, bevor er dann mit Schwimmbrille, Badehaube und teils Neoprenshirt ausgestattet ins 1,40m tiefe Becken steigt, das insgesamt von 8 Bademeistern bewacht wird. Auch Kinder sind nicht zum Spaß hier, sondern lediglich um schwimmen zu lernen. Arschbombe am Sprungturm? Weitgefehlt. Hier trainiert man für die nächsten olympischen Spiele oder zieht im Sportbecken seine Bahnen, stets mit Blick auf die 5 Quadratmeter große Warnung „Verunreinigung des Schwimmbeckens wird mit 2000 Hong Kong Dollar Geldbuße und 2 Wochen Gefängnis bestraft“. Auf jeden Fall ein Erlebnis :)

IMG_5844 (Large)Bei der Hitze verkauft McDonalds das Cola gleich mal tiefgefroren, auf Wunsch auch mit Eis oben drauf.IMG_5835 (Large)An diesem japanischen Restaurant in einer Seitenstraße der Nathan Road liefen wir jeden Tag vorbei. Die Preise waren annehmbar und einige Menschen warteten hier immer auf einen Tisch, das sah vielversprechend aus. Und man kann ja auch nicht immer nur bei 7 Eleven essen :)

Wir saßen zusammen mit zwei unheimlich netten Hong Kong Chinesen am Tisch, mit denen wir uns auch dank ihres guten Englisch super unterhalten konnten. Wir erfuhren einiges interessante über Hong Kong, beispielsweise die Mietpreise – für eine 50qm Wohnung bezahlen die beiden 2000€ monatlich, da können selbst wir in München uns nicht mehr beschweren. Die beiden gaben uns noch den Tip, am nächsten Tag den „Fire Dragon Dance“ zu besuchen. Außerdem ließen sie es sich nich nehmen, unser Essen zu bezahlen. In solchen Situationen sind wir immer wieder völlig verblüfft und müssen uns eingestehen, dass es uns selbst nie einfallen würde, in einem Münchner Restaurants zwei chinesischen Touristen, die wir gerade mal eine Stunde kennen und nie wieder sehen werden, das Essen zu spendieren.

IMG_5853 (Large)Außerdem wissen wir jetzt, wie man unsere Namen auf chinesisch schreibt :)

Am nächsten Abend folgten wir der Empfehlung der beiden und besuchten den „Tai Hang Fire Dragon Dance“. Vor 134 Jahren, als der Stadtteil Tai Hang nur ein kleines Dorf war, sollte der Feuerdrache schlechte Einflüsse aus dem Dorf vertreiben, die Tradition hat sich bis heute gehalten.

IMG_5860 (Large) IMG_5858 (Large)IMG_5864 (Large)  IMG_5880 (Large) IMG_5881 (Large)

An dem Abend herrschte Taifun Warnstufe 1 – mehr als ein paar kurze Schauer gabs Gott sei Dank nicht.

Der Feuerdrache war wirklich beeindruckend – fast 70m lang und mit über 70.000 Räucherstäbchen bestückt wird er von einer Unmenge an Männern durch die Straßen des Viertels getragen. Allein der Kopf des Drachen wiegt 45kg, durch wildes Schwingen von Kopf und Schwanz glühen die Räucherstäbchen immer wieder leuchtend auf.

IMG_5903 (Large) IMG_5930 (Large) IMG_5995 (Large)Nach 6 Nächten in Hong Kong holen wir am Montag unser fertiges Visum ab und kehren zurück nach Mainland China. Nach drei Wochen in Großstädten wollen wir uns nun eher in Richtung des weniger dicht besiedelten Westen des Landes aufmachen.


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