Von Chengdu aus geht es ab jetzt in den „Wilden Westen“ Chinas, nach dem sehr weit entwickelten und dichtbevölkerten Osten des Landes wollen wir nun die ursprünglicheren Provinzen Sichuan und Yunnan bereisen.

Unser erster Stop heisst Kangding in der ehemaligen tibetischen Provinz Kham.

Die Autonome Region Tibet (TAR) ist derzeit für westliche Touristen nicht frei zu bereisen. Neben der Einholung einer speziellen Tibet-Permit kann man Tibet nur mit einem angemieteten Fahrzeug inklusive Guide bereisen, was soviel heisst wie einen Aufpasser bei sich zu haben, der sicherstellt, dass man nirgendwo hinfährt, wo man nicht hinsoll, nichts fotografiert, was man nicht fotografieren soll (Polizeipräsenz etc.) und nicht zuviel Kontakt mit den Einheimischen hat. Zudem ist eine solche Tibetreise auf gut deutsch schweineteuer. Das kommt für uns nicht in Frage.

Die Provinz Kham war für uns die perfekte Alternative zu einer Tibetreise. Ganz im Westen Sichuans an den Ausläufern des Himalayas gelegen, gehörte Kham bis zur Einnahme durch China ebenfalls zu Tibet. Die Mehrheit der Bewohner dieser Provinz ist immer noch tibetischer Abstammung und man merkt sofort, dass man hier nicht mehr in China ist. Dazu kommt, dass viele Einschränkungen und Verbote, die für Tibeter in der TAR gelten, in Kham nicht so streng gehandhabt werden. Viele kulturelle und religiöse Rituale dürfen hier noch freier praktiziert werden, und auch die Polizeipräsenz ist deutlich moderater.

Die Busfahrt von Chengdu nach Kangding dauert 7 Stunden – eigentlich.

IMG_7056 (Large)Weite Teile der Bergstraßen sind derzeit nur einspurig befahrbar, was langes Warten bedeutet. Und dann kommt uns auch noch eine Buspanne dazwischen…

IMG_7085 (Large)

Alle schrauben sich den Berg hoch…

IMG_7051 (Large)Bambusernte auf dem Weg

Und Pause muss man natürlich auch mal machen:

IMG_7062 (Large) IMG_7078 (Large)Nach 13 (!) Stunden kommen wir dann endlich bei Regen in Kangding an und suchen uns eigentlich nur noch ein Bett zum Reinfallen.

Schnell merken wir, dass wir jetzt in einer anderen Welt sind: wir tauschen Flip Flops gegen Wanderschuhe, Nihao gegen Tashi Delek, Grüntee gegen Buttertee und Klimaanlage gegen Heizdecke. Wir sind in Tibet!

Am nächsten Morgen sprechen wir mit einem der tibetischen Angestellten unseres Hostels. Seine rechte Gesichtshälfte uns sein rechter Arm sind komplett verätzt, seine rechte Hand verkrüppelt. Dies führt uns eindrucksvoll die Situation der Tibeter in China vor Augen, die man als Tourist nur zu leicht ignorieren kann – angeblich kann man bereits bei der bloßen Erwähnung des Dalai Lamas oder durch das Aufhängen eines Bildes von ihm mit solch drakonischen Strafen versehen werden. Wir sind geschockt. Das Thema wird selbstverständlich tot geschwiegen und von den Chinesen selbst auch ganz anders dargestellt als in unseren Medien. Insgesamt erschien uns jedoch die Polizeipräsenz sowohl in Kangding als auch später in Litang relativ gemäßigt zu sein und auch die Stimmung schien derzeit eher entspannt. Bei der geringsten Andeutung einer Demonstration oder ähnlichem von Seiten der Tibeter kann es jedoch sein, dass man als Tourist jederzeit ohne Umschweife aus der Stadt geschickt wird.

Am nächsten Tag erkunden wir erstmal die Stadt, schlendern über den Markt und gewöhnen uns langsam an die Höhe – Kangding liegt noch auf moderaten 2600 Metern.

IMG_7094 (Large) IMG_7095 (Large) IMG_7096 (Large) IMG_7097 (Large)BernarDem Schwanz zu urteilen war das mal ein Yak…

IMG_7112 (Large) IMG_7121 (Large) IMG_7126 (Large) IMG_7133 (Large) IMG_7136 (Large) IMG_7137 (Large) IMG_7140 (Large) IMG_7141 (Large) IMG_7143 (Large)Geb IMG_7149 (Large)Gebetsfahnen auf dem Paoma Shan

IMG_7151 (Large) IMG_7152 (Large)Über der Stadt thront der Gongga Shan mit 7500m

IMG_7162 (Large)Manchmal braucht es einfach einen richtigen Kaffeeklatsch

IMG_7170 (Large) IMG_7178 (Large)Abendliches gemeinsames Tanzen konnten wir auch in ganz China schon beobachten, doch so viele Menschen wie in Kangding haben wir noch nie gemeinsam tanzen sehen. Jeden Abend um 19 Uhr treffen sich wahrscheinlich hunderte von Leuten, vom Teenager über Familien mit Kindern bis hin zu traditionell gekleideten älteren Frauen, um gemeinsam einstudierte Choreographien zu tanzen.

IMG_7185 (Large) IMG_7189 (Large) IMG_7197 (Large) IMG_7201 (Large) IMG_7207 (Large) IMG_7211 (Large)IMG_7225 (Large)IMG_7238 (Large)(Zugegeben leicht verwirrtes) herumwandern durch die umliegenden Hügel

IMG_7241 (Large) IMG_7243 (Large)Waldfriedhof

Weiter geht unsere Fahrt nach Litang, auf der Südroute des berühmt-berüchtigten Sichuan-Tibet-Highways, der einen theoretisch auch bis nach Lhasa bringen könnte (in ca. 50 Stunden). Einige Teile der Strecke sind mittlerweile wunderbar geteert und mit Leitplanken ausgestattet (so neu wie die Straßen aussehen, könnten sie tatsächlich erst vor ein paar Wochen oder Monaten fertiggestellt worden sein), doch man merkt auch immer wieder, warum diese Strecke mit zu den gefährlichsten der Welt zählt. Auf engen, ungeteerten Bergpisten ohne Begrenzung geht es Serpentine um Serpentine nach oben, über hohe Pässe, und anschließend nach unten. Der Ausblick aus dem Busfenster ist gleichzeitig atemberaubend und beängstigend.

IMG_7270 (Large) IMG_7272 (Large) IMG_7280 (Large) IMG_7285 (Large) IMG_7292 (Large)IMG_7308 (Large)Nach ca. 8 Stunden kommt endlich Litang in Sicht…

War in Kangding der chinesische Einfluss noch deutlich zu spüren, ist man hier nun endgültig im tibetischen Kulturkreis angekommen. Überall wehen Gebetsfahnen im Wind, die Bewohner Litangs sind in traditionelle Gewänder gekleidet und drehen Gebetsmühlen in der Hand während sie leise Mantras vor sich hin murmeln und die Gebetskette durch die andere Hand gleiten lassen. So gut wie jeder begrüßt uns hier freundlich mit „Tashi Delek“ und einem ehrlichen Lächeln. Viele Touristen gibt es hier nicht, die Anreise ist wohl zu beschwerlich.

Litang ist echt und authentisch – keine von Chinesen „restaurierten“ Tempel, keine Straße mit Souvenirshops, keine Pizza, keine Reisegruppen und keine Elektrowägelchen. Der Ort auf über 4000m Höhe zieht uns sofort in seinen Bann. Die Menschen sind so besonders, so anders, am liebsten würden wir jeden einzelnen fotografieren.

IMG_7315 (Large) IMG_7319 (Large) IMG_7330 (Large) Litang gilt als die Geburtsstadt des 7. und 10. Dalai Lamas

IMG_7327 (Large) IMG_7334 (Large) IMG_7344 (Large) IMG_7346 (Large) IMG_7352 (Large) IMG_7354 (Large) IMG_7363 (Large) IMG_7393 (Large)Gebetsmühlen am Kloster Litangs. Das Kloster wird in einer sogenannten „Kora“ im Uhrzeigersinn umrundet und dabei werden die mit Mantras bedruckten Gebetsmühlen gedreht, was gutes Karma anhäufen soll.

IMG_7396 (Large) IMG_7399 (Large) IMG_7401 (Large) IMG_7409 (Large) IMG_7414 (Large) IMG_7415 (Large) IMG_7419 (Large)Blick über die Stadt vom Kloster aus

IMG_7427 (Large) IMG_7448 (Large) IMG_7455 (Large) IMG_7458 (Large) IMG_7459 (Large) IMG_7460 (Large) IMG_7464 (Large) IMG_7469 (Large)YakbutterIMG_7535 (Large) IMG_7537 (Large) IMG_7541 (Large) IMG_7552 (Large) IMG_7557 (Large) IMG_7561 (Large) IMG_7565 (Large) IMG_7568 (Large) IMG_7569 (Large) IMG_7570 (Large)

IMG_7470 (Large)Unser süßer Hostel-Hund

Apropos Hostel! Kurz vor unserer Reise in die Provinz Kham hat mal wieder unser Spenden-Konto geklingelt!! Hurra!!

Ganze 50€ konnten wir in Übernachtungen investieren!

Diese reichten für insgesamt 5 Nächte: 3 davon verbrachten wir in Kangding im Konka Hostel. Die Matratzen waren eher von der Sorte Fakirbett, aber die Heizdecken hielten uns schön warm!

IMG_7246 (Large)Zusätzlich waren noch 2 Nächte in Litang im „Litang Summer“ Hostel drin. Hier hatten wir Glück und das 4er Dorm ganz für uns alleine, und die dicken Federbetten in Kombination mit den Heizdecken waren einfach himmlisch kuschlig!

IMG_7473 (Large)

 Vielen Dank für die Spende, Bernhard Thalhammer!!!

IMG_7474 (Large) IMG_7477 (Large) IMG_7483 (Large)

Bei unserem Gang durch die Stadt kamen wir an einem buddhistischen Tempel vorbei. Die Atmosphäre dort war einfach unbeschreiblich. Wir konnten dort Einheimische beim Gebet und Drehen der Gebetsmühlen beobachten, jeder einzelne von ihnen begrüßte uns freundlich und wir wurden eingeladen, ebenfalls eine Kora um den Tempel zu absolvieren. Wir sahen keine weiteren Touristen dort, was die Stimmung dort umso besonderer und authentischer machte.

IMG_7488 (Large) IMG_7489 (Large) IMG_7490 (Large) IMG_7493 (Large) IMG_7496 (Large) IMG_7500 (Large) IMG_7509 (Large) IMG_7512 (Large) IMG_7522 (Large) IMG_7523 (Large) IMG_7525 (Large)

In Litang wurden wir auch Zeuge eines der ältesten tibetischen Rituale, welches nur noch an ganz wenigen Orten auf dieser Welt durchgeführt wird: der Himmelsbestattung (Sky Burial). Ein Ritual, das uns Westlern einfach nur unfassbar grausam und barbarisch erscheint, so dass man kaum glauben kann, dass so etwas wirklich existiert, wenn man zum ersten Mal davon hört. Die Kurzversion dieser Bestattung: die Leiche des Verstorbenen wird zerstückelt und den Geiern zum Fraß vorgeworfen.

Von daher nun die ernst gemeinte Warnung: Die folgende Schilderung der tibetischen Himmelsbestattung ist nichts für empfindliche Gemüter und Mägen!!! Man kann also auch an dieser Stelle die Lektüre des Artikels beenden.

 

Unsere Erfahrung mit der tibetischen Himmelsbestattung (Sky Burial):

Bereits bevor wir nach Litang kamen, hatten wir in verschiedenen Blogs gelesen, dass es hier die Möglichkeit gibt, einer Himmelsbestattung beizuwohnen. Auch im Lonely Planet wird dies erwähnt, mit dem Hinweis, man solle sich bei Interesse an Mr. Zheng in einem bestimmten Restaurant wenden.

So sprachen wir ihn auf das Thema an. Auch auf mehrmalige Nachfragen hin versicherte er uns, dass westliche Touristen (im Gegensatz zu chinesischen) dort nicht als störend empfunden werden. Es handele sich dabei um eine öffentliche Veranstaltung und nicht wie bei uns um eine private Familienangelegenheit. Man solle natürlich aus Respekt Abstand halten und keine Fotos von der Zeremonie machen (was sich ja eigentlich von selbst verstehen sollte). Er gab uns noch eine Wegbeschreibung mit und wiederholte mehrmals, wie sehr er persönlich diese Art der Bestattung schätzt: „I like this culture very much“, sagt er immer wieder, „it is very old, and very clean.“ Dabei machte er mit der Hand Hackbewegungen.

Natürlich haben wir auch selbst überlegt, ob wir diese Erfahrung überhaupt machen wollen. Uns war klar, dass uns ein extremer Anblick erwartete. Andererseits bietet sich hier auch die Chance, Zeuge eines kulturellen Rituals zu werden, das nicht weiter von unserer Kultur und unserem Verständnis vom Umgang mit Toten entfernt sein könnte. Auch den Besuch der Feuerbestattungen in Varanasi in Indien haben wir im Nachhinein nicht bereut.

Noch ein paar Hintergrundinformationen zur Himmelsbestattung:

Warum macht man das überhaupt? Die Antwort ist zunächst relativ pragmatisch: Im tibetischen Hochland gibt es keine Bäume und der Boden ist für den Großteil des Jahres gefroren. Erd- oder Feuerbestattungen scheiden daher aus.

Nach dem Tod wird der Verstorbene noch für 3-5 Tage weiter mit Essen versorgt und ihm wird von einem Lama aus dem tibetischen Buch der Toten vorgelesen, um die Seele zum Verlassen des Körpers zu bewegen. In diesen Tagen trauern die Angehörigen. Die Bestattung selbst dient dann quasi nur noch dem „Beseitigen“ der leeren Körperhülle, die Seele des Verstorbenen ist zu diesem Zeitpunkt längst gerettet. Die Geier tragen den Verstorbenen ins Bardo, einen Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt.

Dies merkt man auch an der Stimmung, die am Begräbnisplatz herrscht. Hier wird nicht geweint oder getrauert, niemand ist in irgendeiner Weise in emotionalem Aufruhr. Man nickt uns freundlich zu als wir ankommen und die Angehörigen und Zuschauer sind völlig ruhig und entspannt. Irgendwie überträgt sich diese Stimmung auch auf uns.

IMG_7446 (Large)

Das Begräbnisfeld aus der Ferne.

Als wir ankommen, liegt die nackte Leiche des Verstorbenen auf dem Bauch und ist an einem Pfahl festgebunden. Die nun folgende Arbeit wird von einem Ragyapa erledigt, dem tibetischen Leichenbestatter, der komplett in einen Plastik-Schutzanzug gekleidet ist. Zunächst wird die Haut der Leiche entfernt und das darunterliegende Fleisch quasi in Stücken „aufgeklappt“. Spätestens dies lockt die Aasgeier an, circa 50 von ihnen sitzen jedoch bereits zu diesem Zeitpunkt in der Nähe des Ragyapas und warten geduldig.

Das Wegtreten des Ragyapas vom Leichnam ist wie ein Startsignal für die Geier. Sie stürzen sich auf den Toten und streiten sich lautstark um die besten Stücke. Das Ganze dauert mindestens 15 Minuten, die Geier zerfetzen das Fleisch und tragen ergatterte Stücke des Leichnams einige Meter fort, um ungestört zu fressen.

Als der Ragyapa die Geier verscheucht, ist der Rest nicht mehr wirklich als Mensch zu erkennen. Das Skelett mit den daranhängenden Fleischresten könnte auch ein Tier sein, was den Rest der Bestattung für uns als Zuschauer irgendwie erträglicher macht.

Nun beginnt der zweite Teil: der komplette Leichnam wird nun mit einem Beil zerstückelt und auf einem Stein werden die Knochen geknackt und zermalmt. Es ist Schwerstarbeit. Dies wird nun alles mit Tsampa vermischt (Gerstenmehl mit Yakbutter oder -milch) und zu einer Art Teig verarbeitet. Diese Klumpen werden dann wiederum den Geiern zugeworfen. Die letzte Handlung besteht im Knacken des Schädels mit der Axt – auch das Gehirn wird mit Tsampa vermischt und verfüttert.

Zwei Stunden später ist von der Leiche nichts mehr übrig, der Pflock wird aus der Erde entfernt und die Geier schwingen sich langsam wieder in die Lüfte. Würde man am Nachmittag zu diesem Hügel kommen, würde man vermutlich einfach über die Begräbnisstätte hinweglaufen ohne sie zu bemerken.

Als wir uns zu Fuß auf den Rückweg in die Stadt machen, sind wir erstaunlich still. Jeder von uns benötigt ein paar Stunden, um das Geschehene zu verarbeiten.

Insgesamt sind wir jedoch froh, dieses Ritual erlebt zu haben. Es gibt wohl wenige Dinge auf der Welt, die die eigene festgefahrene Weltvorstellung derart über den Haufen werfen. Hier bekommt der Spruch „Andere Länder, andere Sitten“ eine ganz neue Bedeutung. Wieder einmal merken wir, dass wir es uns nicht erlauben können, andere Bräuche zu verurteilen, nur weil sie unseren eigenen so sehr widersprechen. Ein Tibeter würde sicherlich argumentieren, dass er lieber von Geiern in den Himmel getragen wird als in dunkler Erde von Würmern gefressen zu werden.

Auch die erwähnte ruhige Stimmung und der Abstand (der uns nicht jeden Ablauf im allergenauesten Detail sehen ließ), haben bestimmt dazu beigetragen, dass wir die Himmelsbestattung nicht als negative Erfahrung erlebt haben.

Fotos gibt es selbstverständlich keine – wer neugierig ist, dem hilft die Google Bildersuche hier jedoch weiter.


Kommentare

Das Tor zu Tibet — 1 Kommentar

  1. Wow, dass mit der Himmelsbestattung war mir neu. Vielen Dank für den Bericht und die Bilder dazu braucht es auch wirklich nicht. Wahrscheinlich denken die Tibeter da eh ähnlich wie die Inder – nämlich, dass es der Seele gegenüber extrem respektlos ist sie zu fotografieren.

    Kilian

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>